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Erste gegenläufige Flaschenpyramide der Welt

von Matthias Schultz

Die Kunst, allerlei größere Gegenstände in Einzelteile zerlegt durch den engen Flaschenhals ins Innere eines Glasbehälters zu bugsieren ist schon mehrere hundert Jahre alt. So findet sich im Inventar der Gottorfer Kunstkammer ein sogenanntes „Eingericht“ mit Bergbauszene aus dem Jahre 1679. Rund 100 Jahre später baute 1784 dann der Venezianer Giovanni Biondo ein ganzes Segelschiff in eine kopfüber stehende Flasche. Auch der gebürtige Bremer Matthias Schultz ist von diesen maritimen Modellen hinter Glas derart begeistert, dass er seit 2013 solche Preziosen erschafft und zum Stichtag 18. September 2024 sogar vom Rekordinstitut für Deutschland den Weltrekord für das »größte freischwebende Buddelschiff« verliehen bekam.

Nun aber hat sich der heute in Bad Kissingen lebende Hanseat einer ganz speziellen Unterart der Weihnachtspyramide zugewendet. Mit den „Flaschenpyramiden“ existiert nämlich ein Genre, das seine Leidenschaft für „eingebuddelte“ Gegenstände nochmals um eine bewegliche Komponente erweitert. Bei diesen um 1900 erstmals aufgetauchten Kunstwerken befindet sich der Drehkörper in einer durchsichtigen Flasche, während oben nur noch die Flügel herausschauen. Doch das war Matthias Schultz nicht genug, er wollte es im wörtlichen Sinne auf die Spitze treiben und eine gegenläufige Flaschenpyramide erschaffen. Das heißt, zwei übereinanderliegende Ebenen werden innerhalb der Flasche von zwei Koaxialachsen von zwei außerhalb der Flasche befindlichen Flügelrädern in entgegengesetzte Richtungen angetrieben. Die innere Achse dreht sich dabei klassisch in einem am Boden der Flasche festgeklebten kleinen Glaslager. Die äußere Hohlachse hingen schwebt durch magnetische Abstoßungskräfte reibungsfrei um diese innere Achse. Um das Ganze zukünftig auch noch warten zu können, hat Schultz zudem für jede Ebene einen nicht-magnetischen, weil hölzernen Bajonettverschluss konstruiert.

Buntes Treiben auf allen Ebenen

Verwendetes_Material

Als Motiv hat sich Matthias Schultz ein sogenanntes Doppeldecker-Karussell ausgesucht. Auf den 14 farbenfrohen Schildern der unteren Ebene sind millimeterkleine Tiere und Pflanzen nach Motiven von Maria Sibylla Merian abgebildet, auf den 14 Attikaschildern der oberen Ebene Sehenswürdigkeiten deutscher Städte wie das Bremer, Hamburger oder Stralsunder Rathaus, das Alte Stuttgarter sowie das Neue Saarbrücker Schloss, eine Ansicht von Heidelberg oder das Lübecker Holsten- sowie das Brandenburger Tor in Berlin. Schultz´ sehr ungewöhnliche Motivwahl für eine Flaschenpyramide, welche normalerweise immer Weihnachtsmotive aufgreifen, leitet sich vom berühmten Gedicht „Das Karussell“ von Rainer Maria Rilke ab.  So sind innerhalb der rund 12 cm im Durchmesser messenden Konstruktion der dort im Kehrreim mehrfach wiederkehrende weiße Elefant, aber auch ein im Gedicht erwähnter Löwe, Pferde und Hirsch versammelt. Außerdem ein schwarzer Panther, der sich ebenfalls auf ein weiteres bekanntes Werk dieses Dichters bezieht. Den schätzt der studierte Germanist Matthias Schultz ganz besonders und hat im Rahmen seiner Kunstführertätigkeit in der Bremer Kunsthalle zur Sonderschau „Rilke.Worpswede.“ diesen 2003 auch schon einmal selbst verkörpert. Hinzu kommen Kamel, Dromedar, Bison, deutscher Schäferhund, Pony, zwei Giraffen, drei Strauße sowie ein Nashorn.

Historisches_Tierkarussell

Einmal rund um die Welt

Auf den inneren Trommeln, welche die beiden Achsen und den schwebenden Magneten verdecken, hat der Künstler, passend zu den hier versammelten afrikanischen Tieren, unten Savanne, Oase sowie Steppe in Acrylfarbe gemalt. Oben hingegen das Weiße Haus in Washington, eine schlanke Pagode, das Taj Mahal sowie Schloss Neuschwanstein, da sich hier die nord- und südamerikanischen, europäischen sowie asiatischen Tiere tummeln. Mit Pegasus, Einhorn und Greif hat der Fachredakteur für Schifffahrtsgeschichte zudem hier heimlich auch noch drei Fabeltiere hineingeschmuggelt. Eine filigrane Treppe verbindet beide Plattformen, auf denen sich die insgesamt 18 von ihm verfeinerten hölzernen Figuren tummeln, welche ursprünglich einmal als Rohlinge im historischen Reifendrehwerk von Seiffen entstandenen sind. Bekrönt wird das Karussell schließlich von einem kleinen Globus.

Ringmagnete_im_Einsatz

Angetrieben wird Schultz´ Werk von sechs Kerzen. Dieses steckt in einer 29 cm hohen und an der Basis 13,5 cm messenden antiken, weil noch mundgeblasenen Flasche ohne Nähte mit dem exakten Fassungsvermögen von 2.450 ml welche er einmal in seinem Heimatort Achim gefunden hat. Für die Passage durch den nur 2,6 cm messenden Flaschenhals wurde das hölzerne Karussell in insgesamt 175 Einzelteile zerlegt. Die 20 Flügel der beiden Flügelräder sind asymmetrisch angeordnet, um den Abstand zueinander zu verringern und eine Kollision zu vermeiden. Insgesamt misst das Objekt 34 cm in der Höhe, 22 cm im Durchmesser der Flügelräder und 18 cm an der Basis des sechseckigen Ständers. Es ist damit nicht nur die allererste, sondern folglich auch die kleinste gegenläufige Flaschenpyramide der Welt.

Erste gegenläufige Flaschenpyramide

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